Unser Selbst – das Bild von uns

Unser Selbst – warum wir uns selbst oft schlechter sehen als andere
Wer kennt das nicht: Man schaut in den Spiegel und entdeckt sofort das, was einem nicht gefällt. Die Haare sitzen nicht richtig, das Gesicht sieht müde aus, die Kleidung wirkt irgendwie unvorteilhaft. Auf einem Foto fällt der erste Blick auf den Bauch, die Nase, die Falten oder den Gesichtsausdruck. Bei einem Gespräch erinnert man sich später nicht unbedingt an das, was gut gelaufen ist, sondern an den einen Satz, der vielleicht etwas unbeholfen klang. Und wenn man einen Fehler gemacht hat, kann genau dieser Fehler plötzlich alles andere überstrahlen. Für andere Menschen sieht dieselbe Person häufig ganz anders aus. Sie sehen nicht diese eine Falte, diesen kleinen Makel, diesen Versprecher oder die Unsicherheit, über die man selbst noch Stunden nachdenkt. Das liegt nicht unbedingt daran, dass andere besonders freundlich sind oder uns absichtlich besser darstellen. Ihr Blick ist schlicht ein anderer. Sie erleben uns nicht aus derselben Perspektive wie wir uns selbst. Wir kennen unsere Gedanken, unsere Unsicherheiten, unsere Zweifel und all die kleinen Dinge, die wir an uns nicht mögen. Andere sehen davon oft nur einen Bruchteil.
Dazu kommt etwas Entscheidendes: Wir erleben uns von innen, andere Menschen erleben uns von außen. Wer sich selbst kennt, kennt auch die Geschichten hinter dem eigenen Verhalten. Man weiß, warum man in einem Gespräch plötzlich still geworden ist, warum man einen Fehler gemacht hat oder weshalb man bei einer bestimmten Situation unsicher wurde. Ein anderer Mensch sieht dagegen vielleicht nur, dass man kurz nachgedacht oder etwas anders gemacht hat als erwartet. Die ganze innere Erklärung fehlt ihm. Dadurch kann das eigene Verhalten für uns viel bedeutender erscheinen, als es für andere tatsächlich ist. Ein Versprecher kann uns den ganzen Abend beschäftigen, während der Gesprächspartner ihn vielleicht schon zwei Minuten später vergessen hat. Wir wissen noch genau, wie unsicher wir uns dabei gefühlt haben. Der andere hat möglicherweise nur wahrgenommen, dass wir uns kurz versprochen haben. Genau hier entsteht ein interessanter Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Wir beurteilen uns nicht nur danach, was tatsächlich vorgefallen ist, sondern auch danach, was wir darüber denken. Und dieser zusätzliche Blick auf uns selbst ist nicht immer besonders fair.
Warum unsere Schwächen so groß werden können
Eigene Schwächen kennen wir meistens ziemlich gut. Manche begleiten uns schon seit Jahren. Wer sich beispielsweise für schüchtern hält, wird sich wahrscheinlich besonders an Situationen erinnern, in denen er wenig gesagt hat. Und wer glaubt, nicht gut genug zu sein, bemerkt eher die eigenen Fehler als das, was gelungen ist. Diejenigen, die mit ihrem Aussehen unzufrieden sind, schauen auf Fotos vielleicht automatisch genau auf die Stelle, die ihnen nicht gefällt. Das bedeutet nicht, dass wir absichtlich nach negativen Dingen suchen. Unser Blick hat sich einfach daran gewöhnt, bestimmte Informationen besonders wichtig zu nehmen. Eine Person kann zehn Eigenschaften haben, auf die sie eigentlich stolz sein könnte, und trotzdem beschäftigt sie sich ständig mit einer einzigen, die ihr nicht gefällt. So entsteht ein merkwürdiges Bild: Die Schwäche nimmt im eigenen Kopf viel mehr Platz ein, als sie im tatsächlichen Leben anderer Menschen einnimmt.
Besonders deutlich wird das bei Fehlern. Wir selbst kennen den Fehler nicht nur als einzelnes Ereignis. Und, wir erinnern uns an den Moment davor, an unsere Gedanken, an die Unsicherheit, an das unangenehme Gefühl danach und vielleicht noch an die Stunden, in denen wir darüber nachgedacht haben. Für einen anderen Menschen existiert dagegen oft nur der kurze Moment. Er weiß nichts von dem inneren Film, der anschließend bei uns weiterläuft. Deshalb kann es passieren, dass wir uns für einen Fehler tagelang schämen, während die Person, die ihn mitbekommen hat, kaum noch weiß, dass er überhaupt passiert ist. Unser Problem besteht dann nicht unbedingt darin, dass wir den Fehler wahrgenommen haben. Wir machen daraus nur sehr viel mehr, als tatsächlich passiert ist.
Ähnlich kann es bei unserem Aussehen sein. Wer täglich in den eigenen Spiegel schaut, kennt jede Veränderung. Eine neue Falte fällt auf, ein paar graue Haare werden bemerkt, das Gewicht hat sich verändert oder das Gesicht wirkt nicht mehr so wie vor einigen Jahren. Für uns selbst ist diese Veränderung unmittelbar sichtbar, weil wir einen früheren Zustand im Kopf haben. Ein anderer Mensch vergleicht uns nicht ständig mit unserem eigenen Gesicht von vor zehn Jahren. Er sieht einfach die Person, die vor ihm steht. Deshalb können wir uns selbst manchmal deutlich kritischer betrachten als Menschen, die uns begegnen. Der eigene Blick sucht nach Abweichungen von dem Bild, das wir von uns haben. Andere nehmen dagegen viel stärker die gesamte Person wahr: die Stimme, die Art zu lachen, den Blick, die Haltung, die Persönlichkeit, das, was wir sagen, und wie wir mit ihnen umgehen.
Wir wissen viel über uns – und genau das kann zum Problem werden
Selbstkenntnis ist grundsätzlich etwas Gutes. Nur kann aus Selbstbeobachtung auch eine dauernde Selbstkontrolle werden. Und manchmal sogar Angst, wenn wir jede Kleinigkeit kritisch bewerten. War meine Antwort gerade dumm? Habe ich zu viel geredet? War mein Gesichtsausdruck komisch? Hat der andere gemerkt, dass ich nervös war? Warum habe ich das überhaupt gesagt? Solche Gedanken können einen ganz normalen Moment nachträglich aufblasen. Aus einem kurzen Gespräch wird im Kopf eine Analyse. Aus einem kleinen Fehler wird ein Beweis für eine vermeintliche persönliche Schwäche. Und aus einer Unsicherheit wird schnell die Überzeugung: „Andere merken bestimmt, wie unsicher ich bin.“ Ob sie das tatsächlich merken, wissen wir häufig gar nicht.
Interessant ist auch, dass wir bei anderen Menschen wesentlich großzügiger urteilen. Ein Freund vergisst einen Namen – passiert. Jemand verspricht sich – völlig normal. Eine Bekannte trägt Kleidung, die ihr selbst vielleicht nicht besonders gefällt – fällt kaum auf. Ein anderer Mensch wirkt auf einer Feier zurückhaltend – vielleicht ist er einfach müde. Bei uns selbst gelten plötzlich andere Maßstäbe. Da wird aus demselben Verhalten eine persönliche Schwäche. Wir kennen schließlich unsere eigenen Ansprüche und vergleichen uns ständig mit dem Bild, das wir gerne von uns hätten. Das kann dazu führen, dass die tatsächliche Person immer gegen eine ideale Version von uns selbst antreten muss. Und gegen ein Ideal kann man erstaunlich leicht verlieren.
Dabei sehen andere Menschen keineswegs nur unsere Stärken. Natürlich bemerken sie auch Fehler, Eigenheiten oder Unsicherheiten. Der entscheidende Unterschied ist eher, welchen Stellenwert diese Dinge bekommen. Eine Person kann wissen, dass jemand manchmal unsicher ist, und ihn trotzdem als sympathisch, zuverlässig, interessant oder humorvoll erleben. Eine Schwäche löscht die übrigen Eigenschaften eines Menschen nicht aus. Genau das passiert jedoch häufig in unserem eigenen Denken. Ein einziger Punkt bekommt so viel Aufmerksamkeit, dass alles andere daneben kleiner erscheint.
Selbst – vielleicht sehen andere nicht besser, sondern einfach vollständiger
Die Frage ist deshalb nicht unbedingt, ob andere Menschen uns „richtig“ und wir selbst uns „falsch“ sehen. Beide Perspektiven haben ihre Grenzen. Andere kennen unsere Gedanken nicht und können unsere Persönlichkeit ebenfalls falsch einschätzen. Die eigene Wahrnehmung hat aber einen besonderen Nachteil: Sie ist ständig dabei. Wir können uns selbst nicht einfach für einen Nachmittag verlassen und später zurückkommen. Unsere Unsicherheiten, Erinnerungen und Bewertungen sind immer mit dabei. Dadurch bekommen sie ein Gewicht, das Außenstehende gar nicht wahrnehmen können.
Vielleicht hilft deshalb eine ganz einfache Vorstellung: Stell dir vor, du würdest einen Menschen, den du magst, genauso beurteilen, wie du dich selbst beurteilst. Würdest du bei jedem Versprecher sofort denken, dass er peinlich ist? Oder wegen einer schlechten Entscheidung seine gesamte Persönlichkeit infrage stellen? Betrachtest du bei einem Foto nur die Stelle, die ihm nicht gefällt? Wahrscheinlich nicht. Wir sehen bei anderen Menschen meistens den ganzen Zusammenhang. Bei uns selbst zoomen wir dagegen gerne auf die Stellen, die uns beschäftigen.
Genau darin steckt ein wichtiger Unterschied zwischen Wahrnehmung und Bewertung. „Das gefällt mir an mir nicht“ ist etwas anderes als „Deshalb sehen mich andere schlecht“. „Ich war in diesem Gespräch unsicher“ bedeutet nicht „Andere halten mich für unfähig“. „Ich habe einen Fehler gemacht“ bedeutet nicht „Ich bin ein Mensch, der ständig alles falsch macht“. Und „Ich sehe auf diesem Foto müde aus“ bedeutet nicht „Ich sehe schlecht aus“. Der erste Teil beschreibt eine Beobachtung oder das eigene Empfinden. Der zweite macht daraus eine viel größere Aussage über die eigene Person und darüber, wie andere uns angeblich sehen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich der Blick auf uns selbst verändern kann. Nicht indem wir uns plötzlich einreden, dass alles an uns großartig ist. Das wäre genauso wenig ehrlich wie die ständige Selbstkritik. Es geht eher darum, den eigenen Gedanken nicht automatisch mehr Glauben zu schenken als anderen Wahrnehmungen. Eine Schwäche darf vorhanden sein, ohne den ganzen Menschen zu bestimmen. Ein Fehler darf passiert sein, ohne zur Charaktereigenschaft zu werden. Unsicherheit darf sichtbar sein, ohne dass daraus automatisch Ablehnung entsteht.
Wir sehen uns selbst mit all unseren Gedanken, Erinnerungen und Zweifeln. Andere sehen nur einen Teil davon. Deshalb kann das Bild, das wir von uns selbst haben, manchmal deutlich härter ausfallen als das Bild, das andere Menschen von uns haben. Und vielleicht ist die interessantere Frage am Ende gar nicht: „Sehe ich mich richtig oder sehen mich die anderen richtig?“ Sondern: Wie viel von dem, was ich über mich denke, beruht tatsächlich auf dem, was passiert – und wie viel davon entsteht erst in meinem eigenen Kopf?
